Bleckmarer Dorffest
Das Bleckmarer Dorffest am 15. August 2010 begann um 10.00 Uhr mit einem ökumenischen Festgottesdienst, der von der Bleckmarer St. Johannis-Gemeinde (SELK) und der Ev.-Luth. St. Lamberti-Gemeinde in Bergen gestaltet wurde. Die Begrüßung übernahm dabei P. Markus Nietzke; die Predigt hielt P. Axel Stahlmann. Beides finden Sie weiter unten zum Nachlesen. Nach dem Gottesdienst überbrachten die Ortsbürgermeisterin (Frau Iseken-Tasto) und in Vertretung für den Bürgermeister der Stadt Bergen (R. Prokop) aus der Stadtverwaltung, Frau K. Schledermann, Grüße. Elke von Meding stellte anschließend die Bleckmarer Schulchronik mit dem Titel: “Ene, Mene, Tintenfaß” vor. Dann gab es Mittagessen, anschließend ein “Ehemaligen-Treffen”, Spiel und Spaß, organisiert von den Vereinen am Ort. Am Nachmittag klang die Veranstaltung aus.
Also: Was hat Pastor Nietzke genau gesagt? Dies:
Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. (5.Mose 6,6f.)
Ihr Lieben, es gibt keine Religion in der Welt, in der es nicht auch irgendwann und irgendwie um das Hineinfinden in ihre Aussagen, ihre Rituale und Gebräuche gibt. Als Christen machen wir da keine Ausnahme: Wir lesen unseren Kindern und Enkeln auf unserm Schoß oder vor dem Zu-Bett-Gehen aus einer Kinderbibel vor; im Kindergarten sehen wir uns Bibelbücher an, in der Schule gibt es Religionsunterricht und in der Kirche Taufunterricht, Kindergottesdienst, Kindertreff, Kinderbibelfreizeiten, Konfirmandenunterricht und Glaubenskurse. Jeder Unterricht lebt davon, dass die Schülerinnen und Schüler, ob in der Kirche oder Schule, ob als Kinder oder Erwachsene, sich die Aussagen und Lehren der Unterrichtenden zu Herzen nehmen. Dass man davon redet, zu Hause oder auf unterschiedlichen Lebenswegen. So hat es das jüdische Volk als Lehr- und Lernaufgabe aufgefasst, sich den Merksatz ihres Glaubens zu Herzen zu nehmen: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und ganzer Kraft“. Jesus nimmt diese Worte auf, unterstreicht sie und gibt sie uns als Christen ebenfalls mit auf den Weg.
„Lernorte des Glaubens“, so möchte ich es nennen, sind unsere Kirchen und Kindergärten und Schulen allemal. Wir erfahren in ihnen Wissenswertes aus den Bereichen Glauben und unserer Welt insgesamt. Heute soll dieses in unserm ökumenischen Dorfgottesdienst besonders bedacht und beleuchtet werden, nicht zuletzt deswegen, weil es dazu eine besondere Chronik aus Bleckmar gibt. Dazu später mehr. Wir freuen uns als Kirchengemeinden aus Bleckmar und Bergen über alle, die heute zusammengekommen sind, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Gott segne unser Zusammensein! So feiern wir diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters, + des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Wie gesagt, die Predigt hielt Pastor Axel Stahlmann. Sie ging auch direkt auf die Geschichte der Bleckmarer Schule ein…
Lesung: Markus 6,1-6
Wenn wir an Jesus denken, dann denken wir vielleicht an seine Kreuzigung ,an die Wunder, die er tat, oder dass er mit seinen Jüngern von Dorf zu Dorf zog. Aber Jesus war auch Lehrer, nicht nur Heiler und Prediger. Er hat selbst-verständlich in den Synagogen und auf den Plätzen gelehrt, seine Jünger wollten von ihm lernen – über die Gott und die Welt. Allerdings war das nicht überall gern gesehen. Ich lese aus dem Markus-Evangelium, Kapitel 6
Und Jesus ging von dort weg und kam in seine Vaterstadt, und seine Jünger folgten ihm nach. Und als der Sabbat kam, fing er an, in der Synagoge zu lehren.
Und viele, die zuhörten, verwunderten sich und sprachen: Woher hat er das? Und was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und solche mächtigen Taten, die durch seine Hände geschehen? Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm.
Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause. Und er konnte dort nicht eine einzige Tat tun, außer dass er wenigen Kranken die Hände auflegte und sie heilte. Er wunderte sich über ihren Unglauben. Und er ging rings umher in die Dörfer und lehrte.
Liebe Altschülerinnen und Altschüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer,
liebe Bleckmarer, liebe Festgemeinde, woran erinnert ihr euch, wenn ihr an eure Schulzeit denkt – an den strengen Lehrer? Vergessene Hausaufgaben? Das Klassenzimmer, das von Schülern morgens angeheizt werden musste? Die langen Zöpfe der Mädchen, die speckigen Hosen der Jungen? Oder woran? Ich erinnere mich zum Beispiel an meinen Weg zur Grundschule – jeden Morgen und jeden Mittag fast 2 ½ Kilometer zu Fuß, dabei die ewig lange, schnurgerade Waller Straße. Dann der Geruch von Kakao, der in Pause verkauft wurde. Die großen Jungs von der Schanze, vor denen ich Angst hatte. Der Religionsunterricht bei Fräulein Mangels, der unverheirateten Tochter eines Winser Pastoren. Das erste Mal zu spät zum Unterricht Kommen, an einem Samstag, weil ich gedacht hatte, wir müssten erst zur zweiten Stunde. Bitterlich habe ich geweint, als ich merkte, die anderen hatten schon die erste Stunde gehabt. Später als Jugendlicher wurde ich – was das Stundenausfallen angeht – deutlich gelassener. So gäbe es noch viel mehr Erinnerungen an die Schulzeit, gute und weniger gute. Bilder, Geräusche, Gerüche – und immer wieder Menschen: Lehrerinnen, Mitschüler, der Rektor. Für das Wichtigste aber, das, wofür Schule da ist, dafür gibt es kaum Bilder und konkrete Erinnerungen. Das wird nämlich so Teil meiner Person, dass ich es kaum mehr wahrnehme: Es ist die Bildung – wozu ich nicht nur die klassischen Dinge wie Lesen und Schreiben, Rechnen und Sachkunde zähle, sondern genauso Sport, Musik, Kunst, Religion. Und – mir ganz besonders wichtig – die Herzensbildung.
Nun ist es nicht Aufgabe einer Predigt, ein Bildungsprogramm zu entwerfen, wobei, nebenbei bemerkt, Martin Luther in einer Schrift genau dies getan und dadurch den Bildungsstandort Deutschland mit geprägt hat. Aber nachdenken werde ich mit euch über den Zusammenhang von Bildung und christlichem Menschenbild, von Glaube und Wissen, von Schule und Kirche.
„Glauben heißt nicht Wissen“, sagt man so leicht dahin. Doch diese schiedlich-friedliche Trennung der Bereiche macht es sich zu einfach, ich behaupte beides gehört zusammen, ja, beides braucht einander. Der christliche Glaube ist nicht nur ein frommes Gefühl, sondern hat auch mit Wissen zu tun. Denn wir glauben nicht an irgendeinen Gott, sondern an den Gott, der Abraham auf den Weg geschickt, der das Volk Israel in besonderer Weise erwählt, und der sich in dem Menschen Jesus Christus offenbart hat, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Davon sollte man als Christ, als Christin etwas wissen, und noch manches andere mehr. Ein Wissen ohne Glauben und ohne Werte hat schreckliche Folgen, viel zu oft schon ist es passiert, dass Menschen ihr Wissen skrupellos genutzt haben. Darum gehören Glauben und Wissen zusammen.
Ein zweites: Einer der wichtigsten Sätze über den Menschen steht im 1.Buch Mose 1,27: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Er schuf ihn als Mann und als Frau.“ „Zu seinem Bilde“ – der Begriff, das Wort „Bildung“ wurde einst aus diesem Vers hergeleitet. Bildung meinte also zuerst das Ähnlich-Werden des Menschen mit Jesus Christus, dem wahren Ebenbild Gottes. Bildung hat darum vom Wort her etwas mit der Beziehung zu Gott zu tun. Und von daher hatte es auch etwas Gutes, dass in früheren Jahrhunderten in der Bleckmarer Schule jeder Schultag mit einer Andacht begonnen wurde, die Bibel Lesebuch, Biologie und Erdkundebuch in eins war. Dass die Kenntnis der 10 Gebote, anderer zentraler Biblischer Texte, der Hauptfeste im Kirchenjahr auch darum zur Allgemeinbildung gehören, versteht sich. Das zumindest das Wunschdenken von uns Pastoren.
Drittens: “Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei”, heißt es im zweiten Schöpfungsbericht. Bildung macht den Menschen nicht nur zu dem, wie Gott ihn sieht, sondern fördert auch das Miteinander – wer nicht richtig sprechen kann, kann sich mit anderen nicht unterhalten. Wer nicht schreiben kann, kann keine Briefe oder E-Mails an jemanden schicken. Es reicht bestenfalls noch für eine SMS. Wer dagegen auch Fremdsprachen lernt, kann sogar mit Menschen anderer Nationalität reden. Alles das kann Schule bewirken – und noch viel mehr, was das Miteinander angeht. „Jede Schule vergibt sich ihrer Chance, wenn sie nicht alles daran setzt, mehr als purer Unterricht zu sein“, dass hat ein Schulleiter unserer Tage gesagt. Für die Bleckmarer Schullehrer war das selbstverständlich. Das hätten die drei Generationen Wienhöfer, die Herrn Bunke, Vauk, Behrens, Holz oder Weitzel sicher nicht so gesagt, aber sie haben es gelebt, genau wie die damalige Junglehrerin Jutta Drube. Es geht immer auch um Respekt voreinander, um das achtsame Fördern der Schwächeren, um die Übernahme von Pflichten, das Sich-Einlassen auf eine Klassengemeinschaft und und und. Lehrer und Lehrerinnen dürfen darum nie nur Wissen vermitteln – Bildung meint viel mehr. Bei den alten Dorfschulen war das noch ganz deutlich, die waren zudem eingebunden in die Dorfgemeinschaft. Die Dorfgemeinschaft hier in Bleckmar fühlte sich darum verantwortlich für ihre Schule, wie die alten Unterlagen zeigen. Das heißt es: „Nach sorgfältiger Besichtigung des alten Gebäudes, wurde der Beschluss für einen vollständigen Neubau des Hauses gefasst.“ Doch Schulvorstand und Regierung konnten sich nicht auf einen Entwurf einigen. So verzichteten die Bleckmarer auf die Beihilfe der Regierung und bauten die neue Schule nach ihren Vorstellungen. „Im Jahre 1905 konnte endlich an die Ausführung des Neubaues geschritten werden. Die An- und Abbauer der Gemeinde übernahmen nachbargleich die Erdarbeiten, die Hauswirte desgleichen sämtliche Gespannsarbeiten.“ – Die Bleckmarer waren also nicht nur schon immer eigensinnig, sondern immer auch schon tatkräftig. Darum passt es gut, dass der Anbau des Schützen- und Dorfgemeinschaftshauses an die alte Schule gebaut wurde. Also, ihr seht: Lernen und Lehren fördern das Miteinander – sogar das innerhalb einer Dorfgemeinschaft.
Viertens: Ich erinnere an die Lesung, da heißt es: „Als der Sabbat kam, fing Jesus an, in der Synagoge zu lehren. Und viele, die zuhörten, verwunderten sich und sprachen: Woher hat er das? Und was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist?“ Jesus hat eben nicht nur geheilt oder Wunder getan. Er hat auch gepredigt und gelehrt. So wie in Deutschland bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, Dorfpastoren oft auch ihre Gemeinde in anderen Dingen unterrichtet hatten: Landwirtschaft, Hygiene und anderes. Dabei hat Jesus sicherlich nicht über grammatikalische Probleme geredet, oder Prozentrechnung gelehrt. Sondern er hat die Texte der Bibel für den Alltag ausgelegt. Und da wurde er – das wissen wir aus anderen Stellen – oft sehr praktisch und deutlich. Immerhin war er ja gelernter Zimmermann. Allerdings war das – gerade in seiner Heimatstadt – ein echter Nachteil. Denn die Leute lästerten: „Ist das nicht der Zimmermann, Marias Sohn?“ Der wollte was besseres sein? Das konnten sie nicht verknusen. „Und sie ärgerten sich an ihm“, heißt es darum. Vielleicht ist es damals dem Lehrer Peter Hinrich Hohls so ähnlich gegangen. „Wat wütt hei denn use Kinner lirnen? Dat is doch bloß Lenschen Peter ut Hagen.“ Vielleicht haben die Leute hier in Bleckmar so über den zweiten Lehrer der Bleckmarer Schule so geredet.
Fünftens und letztens: Heute bei diesem Dorffest erinnern und feiern wir auch etwa 250 Jahre Schulgeschichte in Bleckmar. Sie ist längst als Schule geschlossen, doch ist sie als Gebäude gegenwärtig und wird für das Dorf genutzt. Und auch in den Erinnerungen vieler der hier Anwesenden ist sie als Schule noch lebendig, war sie doch prägend für die Jahre der Kindheit. Schule war und ist immer mehr als Wissensvermittlungs-Anstalt. Es darf nie nur um Schönschreiben gehen, und dass das Einmaleins im Schlaf sitzt. Das ist auch wichtig. Aber bei echter Bildung geht es um den ganzen Menschen, auch um seine Seele. Wenn es von Jesus heißt, er dass er predigte und lehrte, so wird es da ganz deutlich: Da werden Seele und Geist angesprochen, da geht es um die Beziehung zu Gott und um das Miteinander der Menschen. Da wird der Mensch dem Bilde Gottes immer ähnlicher, wenn er hört und versteht und glaubt und liebt. Solches Lernen hört nie auf, selbst wenn die Schulzeit 50, 60 oder 70 Jahre vorbei ist oder wenn die Schule schon längst geschlossen ist. Dieses Lernen geht bis zum letzten Atemzug. Denn ein über 80 jähriger hat mir mal gesagt. „Wenn ich aufhöre zu lernen, bin ich tot.“
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein fröhliches Lernen voller Neugier und Wissendurst, ein ehrliches Lehren und Weitergeben von dem, was ich gelernt habe und was mir wichtig. Aber weil ihr für heute genug gelernt habt, wenn ihr meiner Predigt richtig zugehört habt, darum für heute und hier ein fröhliches Miteinander beim Bleckmarer Dorffest. Amen.





